Vertrauen macht stark

Geschichte über Jesu zum Thema Vertrauen

Ich heiße David. Meine Familie und ich leben im Hinterland von Tiberias, zwischen Nazareth und dem See Genezareth. Mein Vater und mein Großvater züchten Schafe. Mit einigen jungen Schafen sind Großvater und ich heute unterwegs, um sie zu verkaufen. Wir sind schon vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Die Schäfchen hatten sich anfangs in dem rechteckigen Karren aneinandergedrückt. Der Wagen ist mit Brettern verschlossen, so dass sie nicht herausklettern können. Nur oben ist der Karren offen. Darüber haben wir ein Fischernetz gespannt; die Maschen des Netzes sind mit großen Blättern durchflochten. „Sie werden den Schafen Schatten spenden, wenn die Sonne aufgeht“, hatte Großvater erklärt.

Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist steinig und staubig. Riesige Dattelpalmen stehen am Wegrand. D es kühl ist, haben sich die Tiere noch nicht in ihre Verstecke geflüchtet. Eine Eidechse mit gelben Punkten huscht zu der Mauer, die unseren Weg säumt und verschwindet zwischen den Ritzen. Die Mauer ist über und über mit Kugeldisteln bewachsen. Als ich der Eidechse nachschaue, fällt mir zum ersten Mal auf, wie schön die violetten Blütenköpfe der Disteln sind. Sie schimmern silbrig und fühlen sich weich wie Seide an.

David!“, ruft Großvater mahnend, denn der Abstand zwischen dem Karren und mir ist groß geworden. Ich frage Großvater nach allen Pflanzen und Tieren, die ich entdecke. Als die Sonne aufgeht, wird es heiß, und ich verstumme. Mein Mund ist trocken. „“Wir haben es nicht mehr weit“, tröstet mich Großvater. „Aber erst einmal werden wir rasten.“ Nach einer Weile zeigt er zu einem Hügel hin, der rechts neben unserem Weg liegt. „Lass uns dort Halt machen“, sagt er. Froh eile ich hinter Großvater her. Als wir nahe am Hügel ankommen, zeigt Großvater zwischen die Bäume und meint leise: „Dort sitzt eine Gruppe von Männern. Wir wollen sie nicht stören. Hier, unterhalb des Hügels, ist es genauso schattig.

Ich nicke und helfe Großvater, die Lederbeutel herunterzuholen, die mit unserem Essen, dem Wasser und dem Gras für die Schäfchen gefüllt sind. Großvater öffnet das Netz, das die Schafe bedeckt, streut Gras auf den Boden des Karrens und gießt etwas Wasser darüber. „Das feuchte Gras wird die Schafe sättigen und ihren Durst stillen“, erklärt er. Erst als die Schafe versorgt sind, setzt sich Großvater zu mir auf den Boden. Ich habe inzwischen ein Tuch ausgebreitet und Fladen, Oliven, Feigen und Käse draufgelegt. Ab und zu blicke ich zu den fremden Männern hinüber, die genau wie wir auf dem Boden sitzen.

Gerade als ich den letzten Schluck Wasser nehmen will, tönt die Stimme eines der Männer laut zu uns herüber. Sie ruft: „Freunde! Nehmt außer einem Wanderstab und Sandalen an den Füßen nichts mit – kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel.“ Großvater erhebt sich. „Das ist Jesus, der gesprochen hat“, erklärt er mir. „Und die Zuhörer sind seine Freunde. Sie haben die Wundertaten Jesu miterlebt. Sie haben auch alles gehört, was Jesus über Gott erzählt hat. Sie glauben, dass dieser Jesus der Sohn Gottes ist. Auch viele andere Menschen glauben daran. Ich habe gehört, dass Jesus nun seine Freunde in die Welt schicken will. Sie sollen alles berichten, was sie über Jesus wissen.“

Ich unterbreche Großvater: „Das mit dem Berichten verstehe ich. Aber warum ist er so streng mit seinen Freunden? Warum dürfen sie nicht wenigstens ein paar Münzen mitnehmen, um sich im Notfall helfen zu können?“ Großvater setzt sich wieder; er scheint nachzudenken. Schließlich antwortet er: „Jesus will, dass seine Freunde ihren Auftrag nicht vergessen. Sie sollen sich nicht durch die Sorge um Essen und Trinken von ihrem Erzählen über Jesus ablenken lassen. Durch die Sorglosigkeit werden die Freunde auffallen. Und die Menschen werden erkennen, dass sie daraus lernen sollen. Denn keiner darf sich von Sorgen unterkriegen lassen; er muss Vertrauen haben. „Ich denke eine Weile nach. Aber dann habe ich eine Frage: „Und warum sollen sie nur Sandalen und keine Schuhe anziehen!“ „Schuhe tragen reiche Menschen, Sandalen das einfache Volk. Jesus meint, dass sie genauso sein sollen wie das einfache Volk, zu dem Jesus gekommen ist“, antwortet Großvater.

Wieder tönt die Stimme des Mannes, den Großvater Jesus genannt hat, zu uns herüber: „Wenn man euch aber in einem Ort nicht anhören will, was ihr zu sagen habt, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen.“ Ich schaue auf meine Sandalen und vor allem auf meine Füße, die die rötlich-graue Farbe des Weges angenommen haben und ich wundere mich: „Weiß Jesus nicht, dass sich dieser Staub nicht abschütteln lässt? Nur mit Mühe kann er abgewaschen werden.“ Doch Großvater meint: „Das mit dem Staub von den Füßen schütteln ist nur ein Ausdruck – ist so wie ein gemaltes Bild. Jedes Mal, wenn Jesu Freunde von Menschen feindselig behandelt werden, sollen sie sich an dieses Bild erinnern. Sie sollen nichts von diesen Menschen annehmen – nicht einmal Staub. Sie sollen weitergehen. Denn es hat keinen Sinn, diesen Menschen von dem Sohn Gottes zu berichten.“

Jetzt erhebt sich Großvater wieder und nimmt den Esel beim Zaumzeug. Ich folge langsam.. Aber als wir unseren Weg wieder erreicht haben, blicke ich zu dem Hügel zurück. „Ich glaube, es ist nicht einfach, das zu tun, was Jesus von seinen Freunden erwartet“, murmele ich. Großvater hat offensichtlich mein Murmeln nicht wahrgenommen; er schweigt. Doch als wir auf der Anhöhe über Tiberias ankommen und der Ort mit seinen Häusern und Palmen vor uns liegt und dahinter Wasser des Sees Genezareth aufblitzt, bleibt Großvater stehen. „Schau dir diese wunderbare Welt an, David“, sagt er mit feierlicher Stimme. „Das alles hat Gott erschaffen. Und Jesus will, dass wir unsere Augen, unsere Ohren und unser Herz öffnen für all das Schöne. Er will, dass wir dankbar sind und auf Gott vertrauen. Denn aus der Dankbarkeit und dem Vertrauen wächst Kraft. Diese Kraft wird den Freunden helfen. Diese Kraft hilft auch mir – und auch dir, David.“ Da atme ich tief durch und breite die Arme aus. Denn die Welt vor meinen Augen ist wunderschön.


Quelle
Anna Elisabeth Marks, Quelle: www.sobla.de

Materialien

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